Ich wollte nur kurz etwas schaffen. Und plötzlich trage ich wieder alles. Ist das Antrieb – oder ein altes Familienmuster?

23. März 2026 6 Minuten

 

Denn das, was nach Disziplin, Stärke oder Verlässlichkeit aussieht, kann auch ein altes Schutzprogramm sein: geprägt durch Loyalitäten, familiäre Muster und Erfahrungen, die über Generationen weiterwirken.

 

Psychologie, die berührt. Geschichten, die nachhallen. Impulse, die etwas in Bewegung bringen.

 

Im zweiten Teil der Kolumne (den Original Artikel findest du hier) erzählt Generation Code®-Expertin Julia Kern-Holecki von einem frühen Morgen auf dem Sofa – und davon, wie sich hinter Leistungswillen und Verantwortungsgefühl manchmal eine viel ältere Geschichte verbirgt. Eine persönliche Reflexion über Überverantwortung, Herkunft und neue Wahlfreiheit.

Morgen zwischen Tatendrang und Erschöpfung

Wenn Produktivität sich nicht mehr frei anfühlt

 

TL;DR:
Ich erlebe meine Morgen oft zwischen Funktionieren, Leistungsdrang und dem Gefühl, sofort loslegen zu müssen. Und irgendwann stellt sich die Frage: Ist das wirklich mein eigener Antrieb – oder trage ich da etwas weiter, das lange vor mir begonnen hat?

Wissens-Highlight

 

Das Gefühl, ständig Verantwortung tragen zu müssen, ist kein seltenes Phänomen. In der Psychologie wird Überverantwortung häufig als erlernter Schutzmechanismus beschrieben, der auch durch familiäre Erfahrungen und generationenübergreifende Prägungen mitgeformt sein kann.

 

Wenn Du die Kolumne von Julia lesen möchtest, starte mit dem ersten Teil.

 

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Es ist 6:10 Uhr morgens. Zweiter Kaffee. Sofa. Laptop auf den Knien. Die Wohnung ist still, mein Mann schläft noch. Ich bin wach – und mit mir nur das Displaylicht, das so tut, als wäre es ein freundlicher Start in den Tag. Besonders romantisch ist das nicht.

 

Ich bin wieder früh wach geworden. Prämeno. Wie so oft. Und sofort kommt dieser Gedanke: Wenn ich jetzt schon wach bin, kann ich die Zeit ja wenigstens sinnvoll nutzen.

 

Eine Klientin hat abgesagt. Ich könnte rausgehen. Atmen. Mich bewegen. Meditieren. Mich noch einmal hinlegen. Stattdessen sitze ich da, optimiere Texte, überarbeite Konzepte, plane Inhalte, denke weiter, arbeite weiter – als müsste ich aus diesem Morgen noch das Maximum herausholen.

 

Niemand fordert das von mir. Niemand sitzt da und sagt: Du musst jetzt funktionieren. Und trotzdem fühlt es sich genau so an. Als wäre Pause erst dann erlaubt, wenn alles abgearbeitet ist. Meine Erschöpfung erkläre ich mir nebenbei mit den Hormonen. Praktisch eigentlich. Die können für vieles herhalten.

 

Und irgendwann taucht dieser eine ehrliche Gedanke auf:
Was mache ich hier eigentlich?
Und noch ehrlicher: Warum tue ich mir das an?

Entspannter Morgen in der Grossstadtwohnung (KI-Bild)
Entspannter Morgen in der Grossstadtwohnung (KI-Bild)

Kennst du dieses Gefühl auch – dass Pausen sich erst legitim anfühlen müssen?

 

Beruflich spreche ich ständig über Muster, über Prägungen, über Loyalitäten und über das, was Menschen aus ihren Familien mitnehmen, ohne es bewusst zu merken.

 

Und bei mir selbst? Da nenne ich es dann gern Ehrgeiz. Oder Disziplin. Oder Zielstrebigkeit. Vielleicht auch Wirksamkeit. Vielleicht denke ich auch einfach: Ich bin eben so. Ein Mensch, der gern anpackt. Einer, der Dinge bewegt. Und ja – nicht jedes Verhalten ist automatisch ein Drama mit Wurzeln in der Familiengeschichte.

 

Und trotzdem lohnt sich der zweite Blick.

 

Denn wenn ich morgens nicht kurz nach dem Aufwachen am Rechner sitze, werde ich unruhig. Vielleicht ist es nicht einmal bloß Unruhe. Vielleicht ist es Alarm.

 

Spätestens da wird klar: Das ist nicht nur Charakter. Mein Körper reagiert mit. Mein Nervensystem reagiert mit. Viel schneller, als mein Verstand es einordnen kann.

 

Herzklopfen. Innere Spannung. Ein fester Kiefer. Schultern, die schon vor dem Frühstück zu viel tragen. Der Körper spricht oft lange, bevor der Kopf überhaupt versteht, was los ist.

 

Es gibt in der Psychologie den Gedanken der Gefühlserbschaft: Dass wir nicht nur Gegenstände, Äußerlichkeiten oder Geschichten übernehmen, sondern auch Haltungen, Ängste und Überlebensstrategien. Dass wir Sätze in uns tragen wie:
Du musst stark sein. Du musst funktionieren. Du darfst nicht nachlassen.

 

Krieg, Flucht, Verlust, Unsicherheit, Existenzangst – solche Erfahrungen verschwinden nicht einfach. Sie leben weiter. In Glaubenssätzen, in inneren Haltungen, im Nervensystem, manchmal sogar im Körpergefühl.

 

Und dann ist da noch die Epigenetik – ein Forschungsfeld, das genau deshalb so faszinierend ist, weil es zeigt, dass extreme Erfahrungen Spuren hinterlassen können. Nicht als fertiges Schicksal. Aber als Hinweise im System. Als innere Markierungen: Achtung. Gefahr. Durchhalten. Funktionieren.

 

Wenn ich ehrlich bin, weiß ich ziemlich genau, woher mein innerer Druck am Morgen kommt. Da ist die Geschichte meiner Großmutter mit Flucht, Neuanfang und Unsicherheit. Da ist meine Mutter, die stark sein musste und mehrere Dinge gleichzeitig getragen hat. Da ist die Erfahrung von Verlust und finanziellem Zusammenbruch in meiner Familiengeschichte.

 

Und ich? Ich sitze morgens auf dem Sofa und arbeite, als hinge von mir der Fortbestand der ganzen Linie ab.

 

Das Tückische daran: Überverantwortung sieht oft gut aus.
Sie wirkt verlässlich. Engagiert. Belastbar. Tatkräftig.
Sie sagt Sätze wie: Ich kümmer mich. Ich schaffe das. Ich halte das zusammen.

Klingt nach Stärke, oder?

 

Und ja – manchmal ist es auch Stärke.
Aber oft ist es ebenso eine alte Überlebensstrategie, die heute nicht mehr schützt, sondern erschöpft.

 

Viele Menschen tragen Verantwortung wortwörtlich in ihrem Körper. Im Nacken. In den Schultern. Im Kiefer. Als würde der Körper mittragen, was das System nie ablegen durfte.

 

Ich mag keine vereinfachten Antworten. Und ich möchte ganz sicher nicht behaupten: Die Gene sind schuld. So einfach ist es nicht. Aber genauso wenig stimmt die Vorstellung, wir alle würden völlig unbelastet bei null anfangen.

 

Wahrscheinlicher ist etwas dazwischen:
Ja, wir übernehmen Muster.
Ja, manches davon sitzt tief.
Und ja – wir können es verändern.

 

Nicht im Sinne von: So bin ich eben.
Sondern eher: Ah, daher kenne ich das. Und jetzt entscheide ich bewusster.

 

Während ich diesen Text schreibe, sitze ich übrigens wieder mit Laptop und Kaffee auf dem Sofa. Aber heute ist etwas anders. Ich bemerke es. Ich unterbreche es. Ich entscheide mich gleich bewusst für etwas anderes.

 

Ich werde den Rechner schließen. Rausgehen. Mir etwas Warmes machen.
Nicht, weil alles erledigt ist.
Sondern weil ich es will.
Und weil ich nicht alles tragen muss.

Generationen sind ineinander verwoben (KI-Bild)
Generationen sind ineinander verwoben (KI-Bild)
Mini-Selbsttest: Vielleicht ist es nicht nur Leistungsbereitschaft, sondern Überverantwortung.

 

Einfach einmal ehrlich für dich prüfen – ohne Schönreden:

 

Emotional

  • Fühlst du dich häufig innerlich angespannt oder dauerhaft wachsam?
  • Hast du schnell ein schlechtes Gewissen?
  • Bist du erschöpft, obwohl objektiv „eigentlich alles läuft“?
  • Bist du für alles und alle erreichbar – nur nicht für dich selbst?

 

Körperlich

  • Sind Nacken oder Schultern oft verspannt?
  • Fällt es dir schwer, wirklich herunterzufahren?
  • Hast du das Gefühl, dir ein dickes Fell antrainieren zu müssen?
  • Schlafst du unruhig oder findest schwer in den Schlaf?

 

Im Alltag

  • Übernimmst du regelmäßig zu viel – in Arbeit, Familie oder Freundschaften?
  • Denkst du oft: Wenn ich es nicht mache, macht es niemand richtig?
  • Fällt es dir schwer, Dinge abzugeben oder zu delegieren?
  • Sagst du öfter Ja, obwohl dein inneres System längst Nein meint?
  • Funktionierst du zuverlässig für andere – aber kaum noch fürs eigene Wohlbefinden?

 

Wenn du bei mehreren Punkten innerlich genickt hast, steckt dahinter vielleicht nicht nur eine Eigenschaft von dir. Vielleicht ist es ein altes Muster. Eines, das früher einmal sinnvoll war – und dich heute vor allem müde macht.

 

Im nächsten Teil geht es darum, warum genau diese alten Programme in Beziehungen oft besonders laut werden. Warum Partnerinnen oder Partner unbewusst Trigger berühren – und was frühe Bedürfnisse mit unserer Partnerwahl zu tun haben.

 

Und ja: Die alte Geschichte bleibt spannend.

 

Wenn Du die Kolumne von Julia lesen möchtest, starte mit dem ersten Teil.

 

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